Arbeitszeit sicher und gesund gestalten

Vor gut 100 Jahren wurde der Achtstundentag erstmals in Deutschland gesetzlich verankert. Neue Trends in der Arbeitswelt wie Globalisierung, Digitalisierung und ein gesellschaftlicher Wertewandel bewirken inzwischen flexiblere, den Bedürfnissen von Unternehmen und Beschäftigten angepasste Arbeitszeiten. Das Thema "Arbeitszeitgestaltung" gewinnt daher vor dem Hintergrund einer sich verändernden Arbeitswelt sowie der aktuell diskutierten Novellierung des Arbeitszeitgesetzes zunehmend an Bedeutung. Hierzu gehören Themen wie

Unter "Flexibilisierung der Arbeitszeit" lassen sich Arbeitszeitmodelle verstehen, welche "eine stetige Wahl vonseiten der Arbeitgebenden, der Arbeitnehmenden oder beider hinsichtlich des Umfangs und der zeitlichen Verteilung der Arbeitszeit vorsehen." (siehe BAuA: Flexible Arbeitszeitmodelle , S. 13). Flexible Arbeit beginnt z. B. beim selbst gewählten Homeoffice-Tag, schließt mobile Arbeit in Verkehrsmitteln und Hotels ein und reicht bis hin zum Vier- oder Fünfschichtbetrieb, der Arbeit sieben Tage in der Woche und 24 Stunden pro Tag möglich macht.

Onlinezugänge und mobile Endgeräte verwischen zunehmend die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Mittlerweile arbeiten ungefähr 30% der Beschäftigten einmal pro Woche oder öfter von zu Hause aus. Mindestens einmal im Monat arbeiten 43% der Arbeitnehmenden am Wochenende, wiederum die Hälfte von ihnen nicht nur samstags, sondern ebenfalls sonntags und an Feiertagen (BAuA, Arbeitszeitreport Deutschland 2016). Durch die Corona-Pandemie waren die Betriebe aufgefordert, die Möglichkeit zum Arbeiten im Homeoffice anzubieten. Aktuell wird die Frage diskutiert, wie diese Entwicklung in Zukunft fortgeführt werden soll und kann (siehe u.a. BAuA: Bericht kompakt 2020). Die Flexibilisierung der Arbeitszeit führt dazu, dass der Mensch in zunehmend vernetzten, digitalisierten und teils virtuell gesteuerten Produktionsprozessen schnell und flexibel verfügbar ist (oder sein muss). Dies kann auch zu einer besseren Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben führen.

Ob in der Schule, bei der Polizei, im Krankenhaus oder am Flughafen – in vielen Berufsbereichen erwarten wir eine gute Arbeit weit über die klassischen Tag-Arbeitszeiten hinaus. Aber auch bei Dienstleistern wie Call-Centern, dem Handel oder bei Bussen und Bahnen sowie in Produktionsbetrieben spielen Schicht- und Nachtarbeit eine immer größere Rolle. Schichtarbeit lässt sich aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegdenken.

Flexibel zu arbeiten heißt in vielen Bereichen aber auch, ortsunabhängig zu arbeiten: Was früher im Büro stattfand, erledigen mobil Beschäftige heute oft nebenher beispielsweise im Fahrzeug. Dies gilt insbesondere an Fahrerarbeitsplätzen im Güterverkehr, aber auch für mobile Dienstleistungen wie Servicetechnik oder Taxiunternehmen.

Nach wie vor gibt es aber auch Berufszweige, die auf feste Arbeitszeiten angewiesen sind, z. B. Gesundheitsberufe, Einzelhandel, Theater oder Gastronomie.

Eine flexibel gestaltete Arbeitszeit, insbesondere bedingt durch betriebliche Flexibilitätsanforderungen, kann Einfluss auf die Gesundheit haben. Sie kann auch auf eine schlecht gestaltete Arbeitsorganisation hinweisen. Dies ist inzwischen allgemein anerkannt und im GDA-Programm "Psyche" verankert. Dadurch, dass Dienstleistungen losgelöst von Zeit und Raum erbracht werden, fällt die Erholung schwerer und die Überlastung durch arbeitsbedingte erweiterte Erreichbarkeit wird zum Thema.

Die Arbeitszeitgestaltung ist ein wichtiger Bestandteil der im Arbeitsschutzgesetz geforderten menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen ohne Berücksichtigung der Arbeitszeitgestaltung ist unvollständig. Beispielhafte Arbeitszeitmodelle aus der Praxis verdeutlichen, dass betriebliche Anforderungen und menschengerechte Gestaltung einander nicht ausschließen müssen.

Vor diesem Hintergrund hat das Sachgebiet Beschäftigungsfähigkeit den Aspekt Arbeitszeitgestaltung stärker als bisher in den Fokus der gesetzlichen Unfallversicherung gerückt.

Ansprechpersonen

Dr. Hanna Zieschang
Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG)
Bereich "Arbeitsgestaltung - Demografie"
Telefon: +49 30 13001-2240

Fachgespräch

Fachgespräch "Arbeitszeit – nur erfasst oder schon gestaltet?" (April 2021)