„Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlicher“

Interview mit Prof. Dirk Windemuth, Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG)

Prof. Dirk Windemuth, Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG)
Bild: DGUV

Digitalisierung und Automatisierung verändern die Arbeitswelt. Das betrifft auch die Arbeitszeit. Sie wird flexibler. Manche Beschäftigte sehen darin Vorteile, gleichzeitig wächst aber auch die Gefahr neuer Belastungen durch ständige Erreichbarkeit, die Vermischung von Arbeits- und Privatleben oder Schichtarbeit. Wie sieht eine gute Balance von Arbeit und Ruhepausen aus? Über den wissenschaftlichen Erkenntnisstand informiert Professor Dirk Windemuth, Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG), und gibt Handlungsempfehlungen.

Herr Prof. Windemuth, welche Rolle spielt aus wissenschaftlicher Sicht das Thema Arbeitszeit für die Sicherheit und die Gesundheit am Arbeitsplatz?

Eine ganz wichtige! Sowohl hinsichtlich der täglichen als auch der wöchentlichen Arbeitszeit gibt es deutliche Belege, dass ein Anstieg der Arbeitszeit mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergeht. Konkret heißt das: Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlicher. Diese Befunde werden in der Literatur immer wieder bestätigt, beispielsweise für unterschiedliche Beschäftigtengruppen, wie zum Beispiel Jugendliche, als auch für unterschiedliche Tätigkeiten wie unter anderem die Arbeit im Betrieb vs. Fahrt von der Arbeit nach Hause.

Ein zentrales Problem beim regelmäßigen oder häufigen Überschreiten der acht Stunden besteht darin, dass die Erholungsfähigkeit im Schlaf leidet. Die führt wiederum dazu, dass im Laufe einer Arbeitswoche und eventuell auch darüber hinaus die negativen Effekte kumulieren, so dass am Ende eine deutliche Steigerung der Gefährdung von Sicherheit und Gesundheit steht.

Auch für andere Kriterien der Arbeitszeit – wie z. B. wöchentliche Arbeitszeit, Lage der Arbeitszeit am Tag - gibt es deutliche Belege, dass ein Abweichen vom Normalen das Unfallrisiko steigert. So gilt zum Beispiel: Mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche geht mit einem Sicherheitsrisiko einher.

Welche Rolle spielt dabei das Thema Schichtarbeit?

Beim Thema Schichtarbeit müssen immer mindestens zwei Aspekte berücksichtigt werden: Die Lage der Arbeitszeit – also zu welcher Uhrzeit arbeitet jemand - und die Dauer der Schicht. Bezüglich der Schichtdauer wurde ja eben schon gesagt, dass hier ein Risiko besteht. Bei Schichtarbeit kommt erschwerend hinzu, dass eine Schichtdauer in Europa unter bestimmten Voraussetzungen bis zu 12 Stunden lang sein kann. Dass dies auf Kosten der Sicherheit geht, steht außer Frage.

Aber auch die Lage der Arbeitszeit hat mit Sicherheit und Gesundheit zu tun. Nachtschicht ist immer gefährlicher, insbesondere auch, was die Wege nach dem Arbeitsende anbelangt. Es gibt aber auch eine Reihe von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die mit Schichtarbeit verbunden sind. Wissenschaftlich ist es oftmals schwierig, die Ursachen dieser Beeinträchtigungen herauszufinden. Der Grund dafür ist, dass z.B. gesundheitsförderliches Verhalten bei regelmäßig arbeitenden Menschen stärker verbreitet ist als bei Menschen, die in Schichten arbeiten. Dementsprechend gibt es verschiedene Erklärungsansätze für belegte Unterschiede zwischen Schichtarbeit und Normalarbeit.

Zu bedenken ist aber auch, dass regelmäßig schichtarbeitende Menschen im privaten Leben beeinträchtigt sind. Die sozial wertvolle Zeit – also die am Abend und am Wochenende – steht ihnen nicht regelmäßig zur Verfügung, so dass sie beispielsweise am Vereinsleben nicht regelmäßig teilnehmen können und Kontakte zu Freunden und Verwandten schwieriger werden.

Wie wichtig sind aus wissenschaftlicher Sicht Pausen und Erholungsphasen für Gesundheit und Wohlbefinden bei der Arbeit?

Pausen sind zur Erholung grundsätzlich wichtig. Es sind aber nicht nur die Pausenlänge und die Anzahl der Pausen zu beachten - auch deren Gestaltung ist wichtig. Ganz allgemein kann gesagt werden: Für die Gesunderhaltung sind regelmäßige Pausen erforderlich. Dies gilt sowohl für eine längere Pause pro Arbeitstag als auch für regelmäßige Kurzpausen. Diese Kurzpausen haben nicht nur einen guten Effekt auf das Befinden und die Gesundheit, sondern auch auf die Leistung. Insofern sind zusätzliche Kurzpausen für die Gesamtleistung eines Beschäftigten nicht schädlich, sondern vielmehr förderlich. Für die Gestaltung einer Pause sollte beachtet werden, dass die Beschäftigten möglichst ihren Arbeitsplatz für die Dauer der Pause verlassen und sich Tätigkeiten widmen, die sie am Arbeitsplatz nicht ausüben. Jemand, der den ganzen Tag am Bildschirm sitzt, sollte also in der Pause nicht seine privaten Mails oder Nachrichten lesen und beantworten, sondern sich zum Beispiel mit Kollegen über ganz andere Dinge als die Arbeit unterhalten.

Lassen sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen Empfehlungen ableiten wie sich Arbeitszeit zugleich flexibel und gesund gestalten lässt?

Bei der flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit sind die Kriterien von oben zu beachten, das heißt konkret: Nur in Ausnahmefällen sollte mehr als 8 Stunden am Tag und regelmäßig nicht mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet werden. Pausen müssen eingehalten werden. Die vorgeschriebene dreißigminütige Pause nach acht Stunden sollte ergänzt werden um wenige, über den Arbeitstag verteilte Pausen, die jeweils 5 Minuten dauern. Hinzu kommt aber ein wichtiger Punkt, der bislang in der Praxis beim flexiblen Arbeiten nicht ausreichend beachtet wird: die Ruhezeit. Das ist die Zeit zwischen Arbeitsende und Arbeitsbeginn. Diese sollte auch nach dem Arbeitszeitgesetz 11 Stunden betragen. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Zeit beispielsweise wichtig ist, um auch wirklich von der Arbeit abschalten und sich in der Ruhephase erholen zu können. Bei flexiblen Arbeitszeiten besteht immer auch die Gefahr, womöglich rasch abends noch etwas zu arbeiten und morgens gleich früh wieder loszulegen. Diese Gefahr ist umso größer, wenn die flexiblen Zeiten im Homeoffice absolviert werden.


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Stefan Boltz

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