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Unter Selbstoptimierung versteht man den permanenten Prozess der Verbesserung der eigenen körperlichen, psychischen, geistigen oder sozialen Fertigkeiten und Eigenschaften. Dazu zählen (berufliche) Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Fitness, Selbstdisziplin, ein attraktives bzw. jugendliches Erscheinungsbild, daneben aber auch Fähigkeiten wie Selbstreflexion und Empathie. Selbstoptimierung gilt als ein Leitbild der modernen individualisierten Gesellschaft: Fachleute sprechen gar von einer "Optimierungsgesellschaft", da die Bestrebungen dahingehend - insbesondere gefördert durch Social Media - eine bislang unbekannte Bedeutung und öffentliche Aufmerksamkeit erlangt haben. Auch der boomende Wellnesssektor spiegelt dies wider [1].
Enhancement bildet eine Sonderform der Selbstoptimierung und bezieht sich auf technologische Methoden [2]. Als sogenanntes Neuroenhancement ("Hirndoping") bezeichnet man den Versuch gesunder Personen, ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Eine breitere Definition umfasst den Einsatz aller Möglichkeiten - inklusive pharmakologischer, neurotechnologischer und chirurgischer Eingriffe. In diesem Sinne werden auch Anwendungen der modernen Neurologie, wie etwa Neuroimplantate, Brain-Computer-Interfaces oder Transkranielle Magnetstimulation zum Neuroenhancement gezählt [3]. Üblicherweise versteht man allerdings darunter nur die Einnahme psychoaktiver Substanzen. Ziel ist es, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis zu verbessern und berufliche Stresssituationen besser zu verkraften [4]. Die Einnahme erfolgt meist punktuell bei besonders hoher Belastung und nicht nur mit dem Ziel einer Leistungssteigerung, sondern aus Angst, die Aufgaben nicht anders bewältigen zu können [5].
Meist werden drei Gruppen psychoaktiver Substanzen als Neuroenhancer eingesetzt: 1) nicht verschreibungspflichtige Substanzen, z. B. Kaffee/Koffeintabletten/koffeinhaltige Energydrinks, Ginkgo biloba; 2) verschreibungspflichtige Medikamente, z. B. Methylphenidat (Ritalin) oder Antidepressiva und 3) illegale Substanzen wie Kokain, Ecstasy, Methamphetamin [4]. Zu beachten ist, dass die verschreibungspflichtigen Substanzen andere Indikationen haben und nicht für den Einsatz als Neuroenhancer gedacht bzw. zugelassen sind.
Microdosing beschreibt den regelmäßigen Einsatz von Psychedelika wie etwa Lysergsäurediethylamid (LSD) oder halluzinogene Pilze in extrem geringer Dosierung. Anwendende wollen ihre Kreativität und mentale Leistungsfähigkeit steigern, Stress mildern und negative Gefühle dämpfen - ohne die für LSD typischen Halluzinationen [6].
Laut einer Befragung aus dem Jahr 2023 nehmen 70 % der Deutschen Substanzen zur Leistungssteigerung. 64,2 % gaben an, in den letzten zwölf Monaten, koffeinhaltige Getränke wie Kaffee oder Energydrinks konsumiert zu haben, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln und Hausmitteln (31,4 %), 3,7 % nehmen ohne medizinische Notwendigkeit verschreibungspflichtige Mittel ein. Etwa 40 % der Befragten gaben an, sich vorstellen zu können, leistungssteigernde Medikamente zu nehmen. Cannabis ist von 4,1 % der Befragten konsumiert worden, um durch Stressabbau leistungsfähiger zu werden oder die Kreativität anzuregen. Die Einnahme weiterer illegaler Substanzen, wie Kokain oder Amphetamin, war im Zwölfmonatszeitraum mit 1,4 % eher selten [7].
Männer greifen eher als Frauen zu Koffeintabletten und illegalen Drogen wie Kokain. Auch in städtischen im Vergleich zu ländlichen Gebieten und bei Jüngeren bis 34 Jahren zeichnete sich eine stärkere Verbreitung illegaler Drogen ab. Verschreibungspflichtige Medikamente nehmen vor allem Personen unter 34 Jahren und über 44 Jahren ein. Bei Letzteren ließe sich vermuten, dass sie die nachlassende geistige Leistungsfähigkeit kompensieren wollen [8]. Bei jungen Erwachsenen könnte der Leistungsdruck eine Rolle spielen. Unter Studierenden räumen 23 % den Versuch ein, ihre Lernleistung in stressigen Prüfungsphasen mit Medikamenten zu steigern [9].
Die Studienlage zum Einsatz von Neuroenhancern bei Gesunden hinsichtlich Wirkungen, Nebenwirkungen und Langzeiteffekten ist insgesamt unzureichend [4], Studien zeigen aber, dass Stimulanzien meist hinter den subjektiven Erwartungen zurückbleiben [9]. Tierexperimentelle Daten aus dem Jahr 2024 geben allerdings Hinweise, dass es möglich sein kann, mittels cannabinoider Arzneimittel kognitive Funktionen zu verbessern [10].
Bei der Selbstoptimierung wird "Biohacking" immer beliebter. Anhänger von Biohacking nutzen Wearables, Geräte und sogar Chip-Implantate [11], um Körper- und Schlafdaten (permanent) zu überprüfen. So wollen sie ein maximales Verständnis für den eigenen Körper entwickeln und ihn gezielt verbessern, die körperliche und mentale Energie stärken und dauerhaft ein besseres Lebensgefühl, Leistungsfähigkeit und Gesundheit erreichen. Ziel ist es außerdem, dem Alterungsprozess entgegenzuwirken [12].
Selbstoptimierung wird kontrovers diskutiert. Vermutlich wirken in den meisten Fällen innerer Antrieb und äußerer Druck zusammen. Denkbar ist im Extremfall sogar, dass Beschäftigte direkt durch ihren Arbeitgeber oder indirekt durch einen gezielt angekurbelten Konkurrenzkampf zu einer Optimierung ihrer Leistung gedrängt werden [2].