Zum Glück ist nichts passiert

Interview mit Dr. Andre Becker und Jonas Brenneis von der DGUV Test Prüf- und Zertifizierungsstelle Nahrungsmittel und Verpackung

25.06.2026

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Dr. Andre Becker und Jonas Brenneis von der DGUV Test Prüf- und Zertifizierungsstelle Nahrungsmittel und Verpackung, Foto: BGN

Dr. Andre Becker und Jonas Brenneis arbeiten als Ingenieure für Maschinensicherheit in der DGUV Test Prüf- und Zertifizierungsstelle Nahrungsmittel und Verpackung in Mannheim. Im Interview erklären sie, wie Prüfungen und Zertifizierungen in der Praxis ablaufen, warum Hersteller und Mitgliedsbetriebe davon profitieren und welche Rolle ihre Arbeit für die Prävention spielt.

DGUV Test: Was sind Ihre Aufgaben in der DGUV Test Prüf- und Zertifizierungsstelle Nahrungsmittel und Verpackung?

Jonas Brenneis: Wir sind in der Prävention tätig, indem wir Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen prüfen, ob sie alle relevanten Sicherheitsanforderungen erfüllen – meist, bevor sie in Verkehr gebracht werden. In meinen Bereich fällt außerdem die Prüfung von Persönlicher Schutzausrüstung gegen Stiche und Schnitte, also beispielsweise Handschuhe und Schürzen aus Metallringgeflecht. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind zudem in der Normung tätig. Als Teil der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe arbeiten wir eng mit anderen Berufsgenossenschaften zum Beispiel bei der Veröffentlichung von Schriften, wie den DGUV Informationen, zusammen.

DGUV Test: Wie umfangreich ist Ihr Prüfbereich?

Dr. Andre Becker: Unser Prüfspektrum ist sehr breit. Es reicht von kleinen Förderbändern bis hin zu komplexen Nahrungsmittel- und Verpackungsanlagen mit mehreren Metern Länge. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Anlagenkonformität. Hierbei prüfen wir vor Ort, ob Maschinenanlagen als Gesamtheit sicher und regelkonform funktionieren.

DGUV Test: Warum betreibt die DGUV ein eigenes Prüf- und Zertifizierungssystem und inwiefern werden dabei Erkenntnisse aus realen Unfallereignissen berücksichtigt?

Dr. Andre Becker: Wir arbeiten sehr eng und regelmäßig mit den Aufsichtspersonen zusammen. Bei Maschinenunfällen, die auf den ersten Blick nicht eindeutig sind, werden wir für die Unfalluntersuchung hinzugezogen und helfen bei der Ermittlung der Unfallursache. Über die DGUV Sachgebiete erhalten wir direkt Informationen zu den Unfallschwerpunkten. Diese Erkenntnisse fließen in die Entwicklung unserer Prüfgrundsätze ein und können bei späteren Prüfungen berücksichtigt werden. So verbessern wir den Arbeitsschutz, indem unsere Anforderungen, wenn es nötig ist, über die bestehenden Normen hinausgehen. Das unterscheidet uns von vielen privatwirtschaftlichen Prüf- und Zertifizierungsstellen.

DGUV Test: Können Sie das bitte an einem konkreten Beispiel erläutern?

Dr. Andre Becker: Ja, sehr gern. Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie wichtig diese Rückkopplung ist. Bei Brotschneidemaschinen in Bäckereien sind laut der Produktnorm aus dem Jahr 2010 zwei Sicherheitslösungen gegen den Zugriff zum laufenden Messer zulässig: eine Zuhaltung, die das Öffnen erst bei Stillstand erlaubt, oder ein Bremssystem, das das Messer beim Öffnen stoppt. Aus Kostengründen wählten Hersteller meist die Bremslösung. In der Praxis kam es jedoch immer wieder zu schweren, irreversiblen Verletzungen, wenn Antriebsteile versagten, die Bremse wirkungslos blieb und in der Folge das Messer unbemerkt weiterlief.

Wir haben uns mit unserer Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe sowie den Herstellern abgestimmt und entschieden, dass ein Abbremsen des Messers nicht ausreicht. Deshalb haben wir als Prüfstelle festgelegt, dass solche Maschinen grundsätzlich eine Zuhaltung benötigen. Diese Anforderung wurde in unsere Prüfgrundsätze aufgenommen und gilt seitdem für alle Prüfungen. Unser Ziel ist es, diese Anforderung künftig in die Normung zu überführen.

DGUV Test: Welche Bedeutung hat das DGUV Test Prüf- und Zertifizierungssystem für die Unfallversicherungsträger, gerade mit Blick auf die Primärprävention?

Jonas Brenneis: Für die Primärprävention ist der Bereich der Persönlichen Schutzausrüstung ein gutes Beispiel. Etwa bei Stich- und Schnittschutzschürzen, sind Prüfungen verpflichtend. Ohne diese Prüfungen dürfen die Produkte nicht auf dem europäischen Markt eingesetzt werden. Wir gehören zu den wenigen dafür anerkannten Prüflaboren in Europa. Wir prüfen auch dort, wo es noch keine Normen gibt oder andere Labore an ihre technischen und fachlichen Grenzen stoßen.

Dr. Andre Becker: Wir packen das Thema bei der Wurzel an und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Primärprävention. Untersuchungen zeigen, dass das Unfallrisiko bei geprüften Maschinen um ein Vielfaches geringer ist als bei ungeprüften. Dadurch lassen sich zahlreiche Unfälle vermeiden, was Beschäftigte schützt, und Kosten reduziert.

DGUV Test: Wie prüfen Sie Innovationen, die nicht normiert sind?

Jonas Brenneis: Ein Beispiel: Vor kurzem hatte ich eine Bandsäge zur Prüfung. Diese Sägen kennt man vielleicht aus Schreinereien. Für den Fleischereibereich ist es im Grunde nichts anderes. Die Säge hat ein umlaufendes Sägeband, womit große Fleischstücke geschnitten werden können. Bandsägen gehören laut EG-Maschinenrichtlinie zu den besonders gefährlichen Maschinen. Leider gibt es gerade hier viele Unfälle, weshalb neue Sicherheitslösungen notwendig sind. Deshalb werden zunehmend kamerabasierte Assistenzsysteme eingesetzt. Sie erkennen kritische Situationen, also ob ein Stück Fleisch oder eine Hand beziehungsweise ein Handschuh dem Sägeband zu nahekommt. Bei Gefahr für den Bediener wird eine schnelle Bremsung ausgelöst. Für solche innovativen Lösungen gibt es noch keine Normen. Dann wenden sich Hersteller an uns. Als von der DAkkS akkreditierte DGUV Test Prüf- und Zertifizierungsstelle können wir auf die von uns entwickelten Prüfgrundsätze zurückgreifen.

DGUV Test: Konzentrieren Sie sich bei Ihrer Arbeit ausschließlich auf die Maschinensicherheit oder berücksichtigen Sie weitere gesundheitsgefährdende Aspekte?

Dr. Andre Becker: Zu einer klassischen Maschinenprüfung gehören zunächst formelle Aspekte wie das korrekte Typenschild, die CE-Kennzeichnung und die technische Dokumentation. Im Mittelpunkt stehen allerdings die konkreten Gefährdungen. Das heißt, bei einer Risikobeurteilung identifizieren wir Gefahrstellen wie Quetsch- und Einzugsstellen oder heiße Oberflächen und scharfe Kanten. Anschließend bewerten wir, ob die Schutzmaßnahmen des Herstellers ausreichen, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die praktische Anwendung im Betrieb. Wir lassen uns alltägliche Arbeitsabläufe wie Formatwechsel oder Reinigungsarbeiten zeigen, um zu beurteilen, ob diese sicher und ergonomisch durchgeführt werden können. Eine Fleischpresse beispielsweise verfügt meist über schwere Presswerkzeuge, die unter Umständen täglich ausgetauscht werden müssen. Für das Bedienpersonal kann das eine hohe physische Belastung bedeuten. Deshalb schauen wir uns an, ob es geeignete Wechselvorrichtungen gibt oder die Komponenten so zugänglich sind, dass sie von zwei Personen sicher gehandhabt werden können.

Ergänzend führen wir verschiedene Messungen durch, etwa zu elektromagnetischen Feldern in den Mitgliedsbetrieben vor Ort oder Hygiene- und IP-Prüfungen in unserem Nasslabor.

Insbesondere in unserer Branche ist das hygienische Design einer Maschine wichtig. Es wird zum Beispiel geprüft, ob sich Rückstände in schwer zugänglichen Bereichen sammeln können.

Zur Lärmprävention werden die Geräuschemissionen der zu prüfenden Maschine gemessen. Als Ergebnis erhalten die Hersteller von uns einen detaillierten Schallpegel-Messbericht. Diese Daten können für die vorgeschriebenen Angaben in der Betriebsanleitung sowie als fundierte Basis für spätere Optimierungen verwendet werden.

DGUV Test: Welche Vorteile bieten DGUV-Test-Zeichen und das GS-Zeichen sowohl für Hersteller als auch für Mitgliedsbetriebe?

Jonas Brenneis: Prüfzeichen wie das GS-Zeichen oder das DGUV Test Zeichen bestätigen, dass eine Maschine umfassend auf verschiedene sicherheitstechnische Aspekte geprüft wurde. Für Hersteller ist das ein Qualitätsnachweis. Betreiber profitieren durch mehr Sicherheit im Betrieb und können gegebenenfalls finanzielle Vorteile im Prämiensystem der Unfallversicherungsträger erhalten. Ebenfalls können sie eine wichtige Orientierung für die Beschaffung von sicheren Arbeitsmitteln sein.

DGUV Test: Die Prüfung und Zertifizierung sind oft freiwillig. Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Herstellern?

Dr. Andre Becker: Das Feedback ist durchweg positiv. Unsere Prüfstelle hat bereits zahlreiche Schwachstellen an Maschinen identifiziert, bei denen Hersteller im Nachhinein erleichtert anerkennen: „Zum Glück ist nichts passiert!“. Die Erkenntnisse fließen nicht nur in die Optimierung der geprüften Produkte ein, sondern werden oft auf andere Maschinen übertragen oder in Neuentwicklungen integriert. Außerdem konnten wir feststellen, dass bei Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit unseren Prüfungen haben, das Sicherheitsniveau der Maschinen deutlich höher ist als bei Neukunden. Das zeigt, dass der Prozess nachhaltig wirkt.

DGUV Test: Der Claim von DGUV Test ist: „Wir prüfen für Sie. Mit Sicherheit“. Was verbinden Sie persönlich damit für Ihre Arbeit?

Jonas Brenneis: Ich würde mich als Mitarbeiter auch sicherer fühlen, wenn ich wüsste, o.k., das hat jemand geprüft, der sich auskennt. Ich kann sicher mit dieser Maschine arbeiten und gehe so gesund wieder nach Hause, wie ich zur Arbeit gekommen bin. Genau, deshalb mache ich diese Arbeit.

Dr. Andre Becker: Für mich ist das Thema Maschinensicherheit ein zentraler Aspekt. Wenn ich mit meiner Arbeit dazu beitragen kann, dass Maschinen für die Beschäftigten sicherer werden und wir dadurch nur einen Arbeitsunfall verhindern können, dann hat sich der Einsatz gelohnt. Denn jeder Arbeitsunfall ist einer zu viel.

Das Interview führte Angelika Fiedler, DGUV Test.

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