Neuordnung des Heilverfahrens der gesetzlichen Unfallversicherung

Foto: Patientin, Physiotherapeut und Reha-Managerin im Gespräch.

Aufgabe der gesetzlichen Unfallversicherung ist es, ihre Versicherten nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit "mit allen geeigneten Mitteln" zu rehabilitieren.
Bild: Jannik Becker / DGUV

Die gesetzliche Unfallversicherung hat drei große Aufgabenbereiche: Unfallverhütung, Rehabilitation und Entschädigung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nach  Arbeitsunfall und Berufskrankheit. Sie ist als einziger Zweig der Sozialversicherung allein arbeitgeberfinanziert. Unternehmer zahlen einen Beitrag und werden im Gegenzug von der Haftung frei gestellt. Daraus erwächst für die Unfallversicherung die Verpflichtung, "mit allen geeigneten Mitteln" für Prävention und Rehabilitation ihrer Versicherten zu sorgen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, hat die gesetzliche Unfallversicherung die Pflicht und das Recht, das Heilverfahren ihrer Versicherten zu steuern.

Dieses Heilverfahren teilt sich in einen ambulanten und einen stationären Zweig auf. Stationär werden bestimmte Verletzungen behandelt, die in einem so genannten Verletzungsartenkatalog festgelegt sind.

Bislang war das stationäre Heilverfahren zweistufig. Neben der durchgangsärztlichen Versorgung an Krankenhäusern (stationäres Durchgangsarztverfahren - DAV) gab es für alle schwereren Verletzungen die Versorgung an Krankenhäusern, die am so genannten Verletzungsartenverfahren (VAV) teilnahmen. Ab dem 1.1.2013 wird das Heilverfahren in ein dreistufiges System überführt werden. Neben dem DAV und VAV gibt es dann ein herausgehobenes Verfahren für die Versorgung schwerster und komplexer Verletzungsmuster: das neue Schwerstverletzungsartenverfahren (SAV). Dementsprechend wird auch das Verletzungsartenverzeichnis neu gefasst und nach Verletzungen für das VAV und SAV untergliedert.

Hintergrund dieser Neuausrichtung in den Heilverfahren sind zum einen weitreichende Veränderungen in der Krankenhauslandschaft, zum anderen steigende Anforderungen an die Qualitätssicherung und Änderungen im Bedarf der gesetzlichen Unfallversicherung selbst (weniger Unfälle). Inhaltlich orientiert sich die Neuordnung an den Qualitätsvorgaben der Traumanetzwerke der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.

Was bedeutet SAV für die Kliniken?

Unberührt von dem neuen dreistufigen System ist natürlich auch weiterhin, dass die Erstversorgung immer im nächstgelegenen Klinikum durchgeführt werden kann.

Darüber hinaus sind für das SAV Verletzungen vorgesehen, die mit lang andauernden Arbeitsunfähigkeitszeiten, einer besonders hohen Rentenrelevanz oder einem hohen Reha-Aufwand verbunden sind. Hierzu zählen schwerste Verletzungen wie Polytrauma, Amputationsverletzungen, Schädel-Hirn-Verletzungen, Querschnittlähmungen und weitere komplexe Verletzungsmuster. Kliniken, die an der Versorgung von SAV Patienten teilnehmen wollen, müssen bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Das betrifft zum Beispiel die Verfügbarkeit der fachärztlichen Mitarbeiter, bestimmte Ausstattungsmerkmale in den einzelnen klinischen Abteilungen oder die Erfüllung weitreichender Hygienevorschriften (Empfehlungen des RKI). Hinzu kommen Anforderungen an eine möglichst frühzeitig einsetzende Rehabilitation, denn eine enge Verzahnung von medizinischer Heilbehandlung und Rehabilitation ist eine grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Wiedereingliederung der Patienten.

Ob eine Klinik am SAV teilnehmen kann, richtet sich danach, ob sie die geforderten Versorgungsstandards erfüllen kann. Für die gesetzliche Unfallversicherung ist allein die Qualität der Versorgung - unter Einbeziehung von Erfahrungswerten - entscheidend, andere Vorgaben für eine Zulassung gibt es nicht. Deshalb wurden auch Übergangsfristen festgelegt, in denen Kliniken möglicherweise noch fehlende Voraussetzungen für das SAV ergänzen können.

Die unter die SAV-Kriterien fallenden schweren Arbeitsunfälle stellen - zum Glück - nicht die große Masse der Verletzungen dar. Es handelt sich vielmehr nur um die wenigen Fälle, die bereits aufgrund der Schwere der Verletzung besonders folgenträchtig sind und in Bezug auf die Heilung und Wiedereingliederung der Versicherten regelhaft zu Problemen führen. Hinsichtlich der Finanzierung der einzelnen   Kliniken sollten sie demnach keine große Rolle spielen. Zumal Arbeitsunfälle insgesamt im Vergleich zu Freizeitunfällen und degenerativen Erkrankungen des Skelettsystems eine zahlenmäßig geringere Rolle spielen.

Was bedeutet SAV für die Patienten?

Aufgabe der gesetzlichen Unfallversicherung ist es, ihre Versicherten nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit "mit allen geeigneten Mitteln" zu rehabilitieren, um ihnen eine Rückkehr zur Familie und in den Beruf zu ermöglichen. Für eine optimale Versorgung war es auch bislang schon bei bestimmten Verletzungen notwendig, Patienten in Spezialkliniken zu behandeln (zum Beispiel Schwerbrandverletzte). Das SAV soll dazu beitragen, die Qualität der Heilbehandlung und Rehabilitation besonders schwerer Verletzungsfälle sicher zu stellen. Nicht jede Spezialbehandlung wird dabei immer in Wohnortnähe vorgenommen werden können. Diese Veränderungen sind  im Interesse des Versicherten - schließlich geht es hier um nicht weniger als seine Zukunft und seine erfolgreiche Rückkehr in das Arbeitsleben.

Die neue Dreigliederung des Heilverfahrens wirkt sich nicht  zu Ungunsten einer wohnortnahen und qualitativ erforderlichen Versorgung aus. Manche Verletzungsarten, die bislang allein in VAV-Kliniken behandelt werden durften, können z.B. jetzt auch in DAV-Kliniken behandelt werden. Ziel der gesetzlichen Unfallversicherung ist es, jeden Unfallverletzten in die für ihn adäquate Versorgungsstufe zu leiten.

Ansprechperson

Stefan Boltz
Pressesprecher
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